Vom 7. bis 10. März 2019 veranstalteten das Kulturamt Frankfurt am Main und die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung den großen Festivalkongress „Fokus Lyrik“. Das Projekt hat mehr als 100 Akteur*innen der Lyrikszene nach Frankfurt am Main eingeladen. Neben dem öffentlichen Programm fanden nicht-öffentliche Roundtables mit Autor*innen sowie Expert*innen aus folgenden Bereichen statt: Übersetzung, Veranstaltung, Verlage, Buchhandel, Schule, Universität, Kritik, Zeitschriften. Hier wurden zentrale Anliegen, Thesen und Forderungen formuliert.

In den Diskussionen wurde festgestellt, dass die Produktions- und Rezeptionsbedingungen für Lyrik in vielerlei Hinsicht zu verbessern sind. Gefordert wurde eine dauerhafte und breitenwirksame Lyrikförderung. Ein wesentliches Ergebnis der Roundtables ist, dass die Gegenwartslyrik gezielte Förderstrukturen braucht, die ihren spezifischen Produktions- und Rezeptionsbedingungen entsprechen. Die „Frankfurter Positionen zur Lage und Zukunft der Lyrik“ verstehen sich ausdrücklich als Vorschläge, die einen Anstoß geben sollen, wie sich diese gestalten ließen. 

Die detaillierten Ergebnisse der Roundtables sind hier veröffentlicht. Zudem werden sie dem „Netzwerk Lyrik e.V.“ übergeben.

3. Positionen Veranstaltung (in Kürze)

6. Positionen Schule (in Kürze)


Zentrale Forderungen, die in den Roundtables zur Sprache kamen, sind folgende:


1. Autor*innen

  • Weil Lyrik eine intellektuelle Praxis ist, die sprachliche Räume für kritisches und freies Denken offen hält, betreibt sie gesellschaftliche Grundlagenarbeit. Sie wirkt interkulturell und intrakulturell verbindend. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, benötigt sie faire Entlohnung. Erstrebenswert ist ein verbindliches Mindesthonorar von 500 Euro netto pro Auftritt. 
  • Eine zeitgemäße Förderung muss längerfristig, orts- und altersunabhängig sowie familienkompatibel sein. 
  • Förderungen sollten so ausgerichtet sein, dass neben Buchproduktionen auch auditive, performative und digitale Erscheinungsformen der Lyrik unterstützt werden.
  • Die Lyrik benötigt eine direkte fachliche Einbindung ins öffentliche Bildungswesen.


2. Übersetzung

  • Die unterschiedlichen Honorierungen (Normseite, Zeile, Gedicht) müssen auf ein einheitliches Zeilenhonorar von mindestens 3 Euro netto festgelegt werden. 
  • Bei der Einladung von fremdsprachigen Lyriker*innen sollten die Übersetzer*innen miteingeladen werden – bei einem Honorar, das sich an dem der Autor*innen orientiert (500 Euro netto).
  • Zur besseren Vernetzung von Lyriker*innen und Lyrik-Übersetzer*innen sollte eine Datenbank literarischer/lyrischer Übersetzer*innen – ähnlich wie es sie beispielsweise in den Niederlanden gibt  – aufgebaut werden.
  • Mehr Preise für Lyrik-Übersetzungen sollten eingerichtet werden.


3. Veranstaltung

  • Förderer (Kommunen, Länder, Bund, alle Kulturpolitiker) sollten sich stärker zu Lyrik bekennen und die Wichtigkeit von Lyrik anerkennen. Deswegen braucht es eine Quote in der Kulturförderung: Lyrik ist ein eigenständiger Bereich und muss eigenständig gefördert werden.
  • Bei Projekten der freien Szene sollten auch die Organisationskosten angemessen berücksichtigt werden.


4. Verlage

  • Es sollte ein eigenständiger Förderfonds für Lyrik gegründet werden.
  • Anzustreben ist eine vermehrte Präsenz von Lyrik in Bibliotheken, Stadtbüchereien und Literaturhäusern.


5. Buchhandel

  • Lyrik-Veranstaltungen im Buchhandel sollten durch die öffentliche Hand gefördert werden.
  • Benötigt wird eine bundesweite digitale Vernetzungs-Plattform, über die Lyriker*innen, Übersetzer*innen, Verlage und Buchhandlungen miteinander in Verbindung treten können – ähnlich der, die es für Illustrator*innen schon gibt.
  • Zwischenhändler sollten kuratierte Lyrik-Pakete zur Verfügung stellen, so wie es solche auch in anderen Genres gibt.
  • Lesen von Lyrik und das Verständnis von Lyrik sollten in der Buchhändler-Ausbildung verankert werden.
  • Erstrebenswert sind Aktionstage für Lyrik, die sich am Erfolg des Indiebookdays orientieren.


6. Schule

  • Öffnung der Schulen und Curricula für Vermittlungsformate und -formen von (Gegenwarts-)Lyrik auch jenseits von üblichen Interpretationsmodellen. Zur Lyrik gehört wesentlich auch die Irritation und das Nicht-Verstehen (Ambiguitätstoleranz). 
  • Unterrichtsmaterialien dafür müssen vermehrt entwickelt und bereitgestellt werden.
  • Lyrikvermittlung muss Teil der Didaktik werden und in die Lehrerausbildung an den Hochschulen implementiert werden.
  • Lyrik könnte in Schulen als Wahlpflichtfach angeboten werden, sie könnte von speziell ausgebildeten Lehrkäften und Lyriker*innen im Tandem unterrichtet werden. Der Unterricht sollte Performance, Konkrete Poesie, Songwriting und digitale Poesie einschließen, um Lyrik zeitgenössisch zu vermitteln.


7. Universitäten

  • Festanstellung von Dichter*innen an der Universität nach amerikanischem Vorbild ohne Promotionsverpflichtung.
  • Programm Gegenwartskultur/Gegenwartslyrik für die Lehrerausbildung als Fortbildung nach einigen Jahren Berufserfahrung (z. B. im Freistellungsjahr nach zehn Berufsjahren).
  • Empirische Studie über den Anteil der Gegenwartslyrik an den philologischen Instituten der deutschen Universitäten.


8. Kritik

  • Zu installieren sind eigene Kritik-Dozenturen an den existierenden Schreibschulen, an journalistischen Schulen und an Universitäten.
  • Digitale Plattformen für Lyrikkritik müssen in die öffentliche und private Förderung  aufgenommen werden.
  • Zu stärken und quantitativ auszubauen ist der Stellenwert von komplexeren Lyrikrezension im klassischen Feuilleton. Gleichzeitig sollte ein Bewusstsein für den Wert lyrikvermittelnder Kritik geschaffen werden.


9. Zeitschriften

  • Literaturzeitschriften sind Non-Profit-Publishing, für das rechtliche Rahmenbedingungen geschaffen werden müssen. Für die Inhalte sorgen die Zeitschriften unabhängig.
  • Da die in Deutschland existierenden dezentralen Förderungsmöglichkeiten schwer überschaubar sind, sollte eine zentrale Förderungsorganisation für Zeitschriften eingerichtet werden, wie es sie beispielsweise in Norwegen gibt.


Frankfurt, 10. März 2019

Festivalkongress „Fokus Lyrik“

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