Maximilian Mengeringhaus – Neues vom Lyrikbegriff

Holger Pils – Die Traditionen der Lyrik und der poetische Umgang mit der Tradition

Tim Holland – Lyrik muss raus aus der Lyrikecke!


Lyrik muss raus aus der Lyrikecke!

von Tim Holland, 1. Juni 2019

… Lyrik gehört ins Sachbuchregal – das forderte Monika Rinck in ihrer Ansprache zur Eröffnung von Fokus Lyrik. Auf unserem Podium wurde direkt angeschlossen: Kleine „lyrische Sprengsätze“ müssen in der Buchhandlung gelegt werden, ja, man müsse Gedichte als Schmuggelware begreifen. Wer Lyrik an die Leser*innen bringen will, der muss gerade offenbar bereit sein, Umcodierungen vorzunehmen und ein gewisses Maß an krimineller Energie mitbringen. Wehe dem schmalen Regal mit der Aufschrift „Klassiker“ oder „Bibliophiles“, wo neben Manessebänden, hübschen Büchlein der Inselbücherei und bedächtigen Anthologien à la der Ewige Brunnen auch Gegenwartsdichtung oft genug einsortiert wird. Dort findet nur, wer eingeweiht ist. Wagemutige, die sich in staubige Ecken trauen und auch keine Angst vor benachbarten Goethe-Werkausgaben haben. Lyrik muss raus aus der Lyrikecke, wenn man sie verkaufen will, so unser Credo.

Wie das gelingen kann, dafür haben wir viele gute Beispiele gefunden: Man lege einen jüngst erschienenen Band mit dem anregenden Titel Die Reduktion der Pfirsichsaucen im köstlichen Ereignishorizont ( Alexander Graeff, Verlagshaus Berlin, 2019) einfach mal zu den Kochbüchern – und plötzlich ist eine Lyrikleser*in gefunden, die davor noch gar nicht wusste, dass Lyrik außerhalb des Deutsch-Leistungskurses existiert. Man küre ein Gedicht der Woche als Abschluss im Newsletter – und verwundert kommen Rückmeldungen der treuen Stammkundschaft, die sich fern von „Jetzt kaufen“ über neue Seiten der literarischen Expertise in ihrer Buchhandlung freuen. Oder man legt ganz dreist lyrische Neuerscheinungen direkt an die Kasse – und bei der nächsten Wartezeit ist prompt jemand festgelesen. In neuen Kontexten fallen Gedichte auf. Denn was und vor allem wie gerade Lyrik verlegt wird, das lässt sich gut ansehen und anfassen. Was Covergestaltung, Typografie, Herstellung und Wording angeht, haben die in den letzten 15 Jahren gegründeten Lyrikverlage vielfältige und innovative Formate gefunden. Auch das Marketing – oft genug low- oder no-budget – stimmt: Buchumschläge, die als Plakate nutzbar sind oder Sticker mit „Poetisiert euch!“ fordern zum poetischen Widerstand auf. Da ist dann die Tugend sichtbar, die aus der Not, der „Dichter*innenselbstverteidigung“, wie es einmal Daniela Seel (kookbooks) benannte, sichtbar. So wurden nämlich viele der Indie-Verlage gegründet: Von engagierten Einzelpersonen und Kollektiven, die es nicht hinnahmen, dass bei den großen Verlagshäusern die Gegenwartsdichtung eingestellt oder nur auf ein paar wenige männliche Vertreter, meist ältere Semester, runtergekürzt wurde. Seit ein paar Jahren geht Widerstand auch über Social Media. Dort werden Gedichte gepostet und kritisiert und auch Dichter*innen von Veranstalter*innen gefunden. Das prominenteste aktuelle Beispiel dafür ist die kanadische Instagram-Poetin Rupi Kaur, die dank ihrer treuen Follower auch auf dem Buchmarkt relevant geworden ist – auf Deutsch genauso wie im englischen Original. Eine andere Idee: Man bittet bei Lesungen aus Romanen die Autorin oder den Autor, ein Gedicht zur Einstimmung, quasi als Aperitif vorzulesen. Was wird die Autorin aussuchen, wie verhält sich der lyrische Text zum Roman – das Publikum ist gespannt. Überhaupt ist klar, dass Lyrik sich dann besonders gut verkauft, wenn sie auch zu hören ist. Schließlich ist Lyrik die Kunstform der Sprache, die sich wie keine literarische Gattung ganz intuitiv übers Hören vermittelt. Den Livemoment braucht die Lyrik wie die Lyrikschreibenden. Nach einer Studie vom Haus für Poesie aus dem Jahr 2017 sind es vor allem die Lesungshonorare, die das Überleben der Dichter*innen sichern. So hat sich an einigen Orten eine feste Komplizenschaft zwischen Lyrikschreibenden und Buchhandlungen ergeben.

All diese guten Ideen, die Initiativen und engagierten Akteure feiern wir, aus ihnen ziehen wir unsere Stärke und an ihnen halten wir uns fest.

An vielen Orten steht aber Gegenwartslyrik, wenn überhaupt, doch auf dem halben Regalbrett mit Geschenkbüchlein und Sinnsprüchen für Hochzeiten und andere Anlässe. Nichts gegen die Sinnsprüche an dieser Stelle. Sie zeigen, was Lyrik auch ist: ein Wegbegleiter, von den Kinderversen bis zu Trauergebeten, Lyrik ist immer an unserer Seite. Aber vielleicht noch mal einen Schritt zurück: Es scheint schon wieder Ewigkeiten her, da eröffneten in den Einkaufspassagen und Fußgängerzonen der Städte Buchhandlungen mit mehreren tausend Quadratmetern Ladenfläche. Man dachte, man begegnet dem Angebot von Amazon und Co. mit einer Präsenz der Bücher vor Ort. Lange halten konnten sich die Filialisten in den 1A-Lagen selten, die Mieten waren einfach zu hoch. Selbst die Spiele, Plüschtiere und alles mögliche, was als Non-Book angeboten wurde und den Verkäufern höhere Margen versprach, änderten daran nichts. Was folgte und vielleicht erst wie ein Rückzug aussah, ist Rückbesinnung und Neubeginn des Buchhandels. Heute eröffnen wieder vermehrt kleinere Buchhandlungen in den Stadtteilen. Sowohl bei Buchhandlungen als auch bei Leser*innen ist mittlerweile ein Bewusstsein erkennbar, wie man Bücher verkaufen und auch, wie man sie erstehen will. Dabei ist klar, was Buchhandlungen heute vor allem sind: Orte des kulturellen Austausches – von „geistigen Tankstellen“ und „demokratiebildende Institutionen“ ist im Feuilleton die Rede. Ja, Buchhandlungen sind relevante Akteure im kulturellen Leben der Städte. Das ist vor allem dort sofort spürbar, wo Literaturhäuser, Museen oder Clubs nicht ein paar U-Bahnhaltestellen entfernt sind. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, brauchen Buchhandlungen aber mehr Rückendeckung, als die Buchpreisbindung und der verminderte Mehrwertsteuersatz derzeit bieten. Notwendig wäre hier eine Förderung von Veranstaltungen aus öffentlicher Hand. Insbesondere wären solche Förderungen für Lyrikevents dringend erforderlich, die speziell das persönliche Erleben von Literatur in all ihren Formen zwischen Lesung und Performance möglich macht. Genau diese Veranstaltungen sind nämlich die beste Werbung dafür, was Literatur überhaupt ist und kann und fördert nachhaltig auch Buchkäufer*innen. Denn Buchhandlungen sind nicht nur kulturelle Akteure, sondern natürlich gleichzeitig wirtschaftliche Unternehmen, Einzelhändler, deren Ausgaben für Personal, Miete und Ware durch Einnahmen gedeckt sein müssen. Diese Balance zwischen Kultur und Wirtschaft ist dem Buchhandel buchstäblich eingeschrieben. In unsicheren Zeiten führt das bei vielen Sortimentern aber auch zu ängstlichen Entscheidungen. Die Tische werden nur mit dem bestückt, wovon man hofft, dass es schnellstmöglich wieder verkauft wird. Kultureller Horizont und Bildungsauftrag werden so schnell beschnitten.

Dabei zahlt sich bei vielen Buchhandlungen gerade aus, wenn sie in die Offensive gehen. Da werden mit Haltung besondere Bücher ausgestellt. Bücher, die davon zeugen, dass die Büchhändler*innen selbstständige Entscheidungen treffen und sich nicht von Bestsellerlisten ihren Einkauf diktieren lassen, Bücher, die zeigen, hier wird eine Auswahl getroffen. Buchhändler*innen nehmen sich ernst in ihrer Funktion, transparent Qualitätskontrolle zu betreiben und Diskurs und Öffentlichkeit mitzubestimmen, schließlich Orientierung in einer Schwemme von Neuerscheinungen zu geben. Dazu gehört natürlich auch, dass die Buchhandlungen und die Branche  bei sich selbst anfängt: Die Ausbildung des Nachwuchses auf Landesebene muss sicher gewährleistet sein. Gerade für die mittelständischen Unternehmen ist es wichtig vor Ort auszubilden zu können. Und Literatur und die literarischen Gattungen müssen ein größere Rolle in der Ausbildung spielen. Schließlich: Wir wollen unsere Kolleg*innen ermuntern, sich mehr der Lyrik zu widmen.

Hilfreich sind dabei Initiativen wie beispielsweise der Indiebookday, der ein mediales Umfeld schafft, in dem man gut noch unentdeckte Titel zeigen kann. Orientierung bieten ebenso die Lyrik-Empfehlungen durch die Institutionen rund um Akademie für Sprache und Dichtung, Haus für Poesie, Lyrikkabinett, Literaturfonds und Deutscher Bibliotheksverband. Aber Plakate reichen nicht. Und leider finden auch in den Feuilletons Besprechungen von Lyrikbänden zu selten statt.

Deswegen kamen wir in unserer Diskussion auf ein anderes Moment: Statt aus großen Höhen die Leser*innenschaft anzurufen, müssen wir Banden bilden. Banden, die sich aus denen konstituieren, die Lyrik schreiben, übersetzen, verlegen und verbreiten. Wir wollen mehr zusammenstehen und uns besser austauschen. Ein Netzwerk, welches das tragen könnte, ist mit dem Netzwerk Lyrik vielleicht gerade schon im Aufbau. Weiterführend wäre aber vor allem eine Plattform zum Austausch notwendig. Auf ihr könnten Verlage, Buchhandlungen und Lyrikakteure gemeinsam über Kommunikationsstrategien nachdenken, könnte ein Austausch über Präsentations- und Veranstaltungsformate stattfinden und die noch weniger lyrikaffine Buchhandlung hätte die Qual der Wahl eine Lyriker*in vor Ort zu daten, um gemeinsam eine Neugestaltung der Warengruppe vorzunehmen. Bei einer sich immer weiter entwickelnden und wandelnden Branche wie die Buchbranche es ist, sollte nicht die 1989 von Hans Magnus Enzensberger postulierte Konstante von 1.354 Lyrikleser*innen gesetzt bleiben.

Auf dem Podium „Lyrik verkaufen – Die Möglichkeiten des Buchhandels“ saßen: Adrian Kasnitz (Parasitenpresse, Köln), Ludwig Lohmann (Buchhandlung Ocelot, Berlin), Regina Moths (Literatur Moths, München) und Robert Renk (Wagner’sche, Innsbruck), Moderation: Tim Holland

Neues vom Lyrikbegriff

von Maximilian Mengeringhaus

Fokus Lyrik war beides: Festival und Kongress zugleich. Ein Festival ist es gewesen, auf dem sich die Gegenwartslyrik stimmenstark präsentieren konnte. Ein Kongress war es gleichermaßen, der zu ergründen suchte, was die Gegenwartslyrik eigentlich ausmacht und wie es um sie in Literaturbetrieb, Universität und Schule bestellt ist. Am Anfang dieser eingehenden Selbstbeobachtung musste sich unweigerlich die Gretchenfrage stellen: Was überhaupt ist Gegenwartslyrik? Und brauchen wir, um sie in ihren Grundzügen oder gar Feinheiten zu beschreiben, einen Begriff von ihr? Also eine feststehende Definition, die zweifelsfrei und trennscharf zu entscheiden weiß, wann wir es mit Gegenwartslyrik zu tun haben und wann nicht?

Das Podiumsgespräch „Neues vom Lyrikbegriff“ stand im Zeichen der Suche nach den Charakteristika des zeitgenössischen Gedichts. Am Ende hatten die Diskutant*innen Michael Fehr, Swantje Lichtenstein, Donna Stonecipher und Daniela Seel mehr als nur eine schlüssige Lösung des Problems auf Lager. In Anbetracht der vielgestaltigen Zusammensetzung des Podiums ist vielleicht sogar zu erwarten gewesen, dass letztlich kein gemeinsames Manifest unterschrieben wurde, das verbindlich festlegt, was fortan unter dem Begriff Lyrik zu verstehen ist. Dass solcher Begriffspluralismus keine Selbstverständlichkeit darstellt, gilt es sich allerdings kurz noch einmal zu vergegenwärtigen.

So verpflichtet der Mitherausgeber des Jahrbuchs der Lyrik 2019 Mirko Bonné im anstelle eines Nachworts gemeinsam mit dem ständigen Herausgeber Christoph Buchwald geführten Gespräch die Zusammenstellung des Jahrbuchs der Tradition und tauft dieses Kriterium einen rebellischen Akt gegenüber einem grassierenden Unverständnis von Lyrik, das er unter den zeitgenössischen Autor*innen ausmacht: „Viele Dichter und Dichterinnen heute wissen ja gar nicht, was das ist: ein Gedicht.“ – Das Verständnis dessen, was ein Gedicht ist, sprich: zu sein hat, wird im Bereich der Esoterik angesiedelt: Das Gedicht ist etwas für Eingeweihte. Ein Wissen davon, was es im Kern ausmacht, kommt, wie Bonné bewusst stichelt, bei weitem nicht allen Lyriker*innen zuteil.

Dass Bonnés Rede vom Gedicht handelt, und nicht wortwörtlich von der Lyrik, darf als metonymische Verschiebung verstanden werden; so wie man von einem Schiff sagt, unter welcher Flagge es segelt. Ein Blick auf die Tradition der Lyriktheorie mag das verdeutlichen. Aus literaturwissenschaftlicher Perspektive stellt das Verhältnis zwischen der Lyrik als Gattung und der Menge der einzelnen Gedichte mittlerweile einen Jahrhunderte alten Konflikt dar. Historisch gesehen sollte der Begriff der Lyrik seit jeher den gesamten Bereich der lyrischen Gedichte, ob älteren oder neueren Datums, unter einen Hut bringen. Für den deutschsprachigen Raum ist der Begriff der Lyrik in dieser Funktion wirkmächtig seit dem 18. Jahrhundert nachweisbar. Mit lyrischen Gedichten sind in diesem Zusammenhang zumeist Texte in Versform gemeint, die weder in den Bereich der epischen Erzählungen noch in jenen der dramatischen Bühnenstücke, die für die Aufführung konzipiert wurden, fallen. Seit sich mit dem Roman und auch in der Dramatik weitgehend die Prosaform gegenüber dem Vers durchgesetzt hat, scheint sich der Zusatz lyrisch hingegen zu erübrigen.

Der Lyrikbegriff jedenfalls lässt sich entweder weit oder eng fassen. Zu mancher Zeit war die Ballade der Inbegriff des Gedichts; dann wieder erzählte sie zu zusammenhängend und ausführlich, um mit den traditionell einflussreichen lyriktheoretischen Grundsatzbestimmungen von Kürze und Momentgebundenheit in Einklang gebracht zu werden – und ward somit aus der Familie der Lyrik verbannt. Das Prosagedicht, um ein weiteres, noch weitaus radikaleres Beispiel zu nennen, stellte seit seiner Popularisierung durch Charles Baudelaire das rote Tuch oder zumindest eine enorme Herausforderung für jedwede Lyriktheorie dar. Zu schwer wiegt wohl, dass der Vers in dieser Form seine Verbindlichkeit eingebüßt hat.

Auf dem Frankfurter Podium ist zu spüren gewesen, was es heißen kann, ohne Ressentiments und Berührungsängste über Lyrik ins Gespräch zu kommen. Für alle Teilnehmer*innen steht ein neugieriger und zeitgleich entspannter Umgang mit der sonst so oft gefühlten Bürde eines für gestern, heute und alle Zeit verpflichtenden Begriffs dessen, was Lyrik ist, im Fokus. Zeitgenössische Produktion und die Rezeption, Anknüpfung an und Weiterführung von Traditionen (stets im Plural!) bilden gleichermaßen die Folie für die Diskussion – sowie die Richtungen, in die diese führen mag, niemals lyrikgeschichtspessimistisch erwartet werden. Ganz gleich ob wir dem Lyrikbegriff treu bleiben oder, wie es in Frankfurt mitunter auch geschah, die Rede wieder stärker auf das Konzept der Poesie hin ausrichten.

Die Lyrikerin und Übersetzerin Donna Stonecipher, eine der vier Teilnehmer*innen, schreibt nicht nur selbst Prosagedichte, sie hat auch einen umfangreichen Essay verfasst, Prose Poetry and the City, in dem sie mitunter Baudelaires spätere Präferenz des Prosagedichts in seinem Spleen de Paris gegenübermetrisch regulierten Vers- und Strophenformen als Reaktion auf die rezeptionsästhetischen Lesegewohnheiten zur Mitte des 19. Jahrhunderts auffasst. Mehr noch habe Baudelaire eine Form gesucht, die seines Erachtens auf die ökonomischen und gesellschaftspolitischen Veränderung der Zeit zu reagieren im Stande sein sollte. Kurzum: Baudelaire war bereit, die Lyriktheorie seiner Zeit einem Stresstest zu unterziehen, womit er auf lange Sicht das Prosagedicht als legitime Form der Lyrik etablierte.

Auch den Berner Autor Michael Fehr reizt am Lyrikbegriff, womit dieser sich traditionell schwertut. In Fehrs Fall handelt es sich um das Erzählen, das der Lyrik, so ist vielerorts noch heute zu lesen, angeblich unversöhnlich gegenüberstehe. Lyrik ihrerseits entspringe der momentanen, subjektiven Empfindung und Erregung, sie handele vom Eruptiven und eigne sich schlichtweg nicht, Geschichten zu erzählen. Ein klassisches Gegenbeispiel zu dieser These wäre die eben angesprochene Ballade, in ihrem älteren und beispielsweise im 19. Jahrhundert populären Sinne des Erzählgedichts, nicht in der heutigen Bedeutung als Pop-Schnulze. Michael Fehr jedenfalls begreift sich als Erzähler – womit auch die besondere Bedeutung der Mündlichkeit für sein Werk angesprochen ist. Für Fehr kommt zuerst das gesprochene Wort, das wiederum transkribiert erst zum geschriebenen wird. Als Erzähler, der im Sprechrhythmus der Phrase vorträgt oder auch singt, ist das Medium Buch mehr der Beleg seines Werks als das Werk selbst.

Für die Ästhetik-Professorin und Autorin Swantje Lichtenstein, die bereits in ihrer literaturwissenschaftlichen Dissertation zu Beginn der 2000er Jahre eine überzeugende Fürsprache für das performative Potential von Texten gehalten hat, ist das Gedicht ebenfalls nichts, das bloß auf einer Druckseite fixiert ist und stillschweigend konsumiert wird. Lichtenstein zufolge scheinen die meisten Theoretisierungsversuche des Lyrikbegriff, zumal die akademisch ausgerichteten, nahezu scheuklappenhaft auf eine Verengung des Begriffsbereichs bedacht, als dass sie dessen Anschlussfähigkeit an andere Künste erproben. Für ihre eigene schriftstellerische Produktion sind es aber gerade die grenzüberschreitenden Kooperationen, die die Aktualität und Relevanz der Lyrik im Gesamtverbund der Künste ausmachen.

Für das Werk der Dichterin Daniela Seel sind solche Kollaborationen ebenso wichtig. Als Verlegerin und Lektorin des Verlags kookbooks ist die Pluralität von individuellen Poetologien und damit verschiedenen Perspektiven auf den Lyrikbegriff keineswegs eine Definitionskonfusion, sondern die glückliche Regel. Der Zugang zur Lyrik und die Arbeit daran, was ein Gedicht sein kann, liegt für Seel, und darin muss kein Widerspruch bestehen, dennoch in der Verdichtung, der Konzentration der Mittel und der Präzision.

Wichtig mutet es schließlich an, dass bei aller wohlmeinenden Fürsprache, was das Gedicht alles könne, zunächst, um nichtssagende Gemeinplätze zu vermeiden, festgehalten werden sollte, dass das Gedicht, bevor es geschrieben, gesprochen, aufgeführt oder gezeichnet wird, erst einmal gar nichts kann, es ist ja noch nicht. Sobald es allerdings geschieht, sind die Möglichkeiten in ihrer Vielfalt beinahe unbegrenzt. Darin liegt die Pluralität des Lyrikbegriffs und das Neue an ihm wäre, dem mit Offenheit zu begegnen.

Die Traditionen der Lyrik und der poetische Umgang mit der Tradition

von Holger Pils

Vor dem Schreiben steht das Lesen. Denn Schreiben heißt Fortschreiben, Anknüpfen, Aufgreifen. Das ist Tradition, das heißt: Tradition als Prozess, der, wenn man ihn bewusst sichtbar macht, als ‚klassische Tradition des Weiterschreibens‘, häufig durch die Variation in festen Formen, geschieht. Auch die Avantgarden, die – im Gegensatz dazu – möglichst alles neu machen wollen, setzen sich vom Vorhergehenden ab, haben also einen Bezug zu ihm, auch wenn er verneinend, umstürzend ist. Auch sie setzen eine Kenntnis des Traditionsbestands voraus. Auch diese anti-traditionalistische Haltung hat eigene Traditionen ausgebildet. Ilma Rakusa illustriert beide Haltungen als poetologische Optionen am Beispiel Mandelstam vs. Majakowski. Jedes Schreiben steht im Spannungsfeld beider Pole. Es gibt kein Entkommen. Mit der Frage „Wie hältst Du es mit der Tradition?“ ist also Haltung zur Frage der Haltung gefragt. Und es stellt sich die Frage: Wie sieht sie praktisch, ästhetisch aus? Und schließlich: Was bedeutet der Traditionsbezug politisch? Klar scheint vorab zu sein, dass es niemals – egal, ob die Haltung affirmativ oder kritisch, nachahmend oder dekonstruierend, verehrend oder parodistisch ist –, dass es niemals um eines geht: Copy and Paste. Sondern immer um eine produktive Anverwandlung von Stoffen und Formen.

Vor allem von Formen. Die Frage nach den Traditionen erscheint in der Diskussion als ein sehr lyrisches Problem. Weil die Lyrik formbezogener, sprachreflektierter ist als die Prosa, sind ihr Traditionen wichtiger. Tradition wird dabei nicht als hemmend, sondern als inspirierend empfunden. Die selbstgewählte Form engt nicht nur ein, sondern befördert die Lust am Experimentieren, durch die die Gefahr der Epigonalität abgewendet wird. Beispiele sind die Sestine bei Pastior, das Sonett bei Wagner, die Spenserstrophe bei Cotten. Zudem könnten neue Technologien, glaubt Ricardo Domeneck, alte Formtraditionen revitalisieren; dies gelte zum Beispiel für Traditionen der Oralität. Entscheidend sei beim Schreiben, dass Form, Inhalt und Absicht zusammenkommen. Form ist, so Daniela Danz, die „Anschauung, die zum Stoff passt“. Voraussetzung für das Zusammengehen sei, die traditionellen Formen zu kennen, damit sie als Werkzeug zu Gebot stehen.

Als Beispiel liest Ilma Rakusa ein Gedicht in Form einer Liste, eines Katalogs und zeigt damit zugleich, dass man mit einer solchen Formenwahl kulturelle, historische, religiöse und sprachliche Grenzen überschreiten kann. Es handelt sich um eine von vielen grenzüberschreitenden Traditionen, für die es europäische, chinesische, ägyptische oder auch aramäische Beispiele gibt. Daniela Danz nennt Inger Christensens Alphabet, die Fibonacci-Zahlen, also die Mathematik, die sie inspiriert habe, sich für ein Gedicht die architektonische Figur der Kaskade als Formvorbild zu nehmen. Bei solchem Umgang mit Vorbildern ist Tradition „Übersetzung“ und „Anverwandlung“. Der Begriff dürfe eben nicht mit „Erstarren“ gleichgesetzt werden, wie das im Alltagsgebrauch häufig geschieht (oder sogar als Kampfbegriff eingesetzt werden). Er bedeute hingegen, dass man sich etwas in den eigenen Bestand hole, das Übersetzen des Anderen ins Eigene: aus einer anderen Kultur, einem anderen Werk, einer anderen Zeit. Aber was steht uns überhaupt als Traditionsbestand zur Verfügung, was nicht?

Ricardo Domeneck erklärt anhand des brasilianischen Kontextes, dass Begriff der „Tradition“ einen umstrittenen und politischen Beiklang hat. In einem Land mit kolonialer Vergangenheit sei er notwendigerweise eurozentristisch geprägt, die Traditionslinien in Brasilien hätte über Jahrhunderte auf die iberische Tradition verwiesen, später seien französische und nordamerikanische Einflüsse wichtig geworden. Verdrängt wurden damit die literarischen Traditionen dutzender indigener Sprachen, die erst in den letzten zwanzig Jahren für die Literatur wiederentdeckt würden, ebenso wie die rituelle afrikanische Poesie. Als brasilianischer Dichter sei es leichter die Odyssee zu kennen als das Popol Vuh.

Es gibt ein wachsendes postkoloniales Bewusstsein, aber – alle sind sich darin einig – es gibt auch noch viel zu tun. Die eurozentrische Tradition der Dichtung ist bei Domeneck selbst explizit Gegenstand der Reflexion im Gedicht; wie auch in den Gedichten des Chinesen Zang Di, die Lea Schneider übersetzt.

Schneider betont, dass wir vieles erst ausgraben müssen (Traditionen, die abgebrochen sind) und auch den Blick weiten für die vielen anderen Traditionen, die in der Gegenwartsliteratur andernorts durchaus lebendig fortwirken, die nur wir nicht wahrnehmen, weil wir sie nicht kennen. Außerdem gelte es eigene Qualitätskriterien (die auch überlieferte Konvention sind) zu hinterfragen. Zum Beispiel werde die Frage, was ein gutes Gedicht sei, in China völlig anders beantwortet, als in Europa. Wir müssen uns klarmachen, dass der Kanon auswählt – und auch diskriminiert. Mit ihm können Traditionen auch zum Verstummen gebracht werden. Was wir kennen, ist gefiltert. Die Geschichte hat Spuren in uns hinterlassen, sie prägt den Blick, auch auf die Lyrik. Als Beispiel nennt Schneider die Tradition des Prosagedichts – sie ist nicht im Frankreich des 19. Jahrhunderts entstanden. In China gibt es sie seit 3000 Jahren. Während wir das nicht wissen, kennen die chinesische Dichter den europäischen Kanon sehr gut. Diese Feststellung für China ähnelt der von Domeneck für Südamerika. Es gibt eine Asymmetrie der Wahrnehmung. Wie politisch die Wahl von traditionellen Formen vor dem Hintergrund herrschender Konvention sein kann, zeigt Domeneck mit Verweis auf seine jüngste Dichtung: Er bezieht sich auf die homoerotische Tradition der griechischen und lateinischen Lyrik. Das ist in gewisser Weise konservativ. Aber im aktuellen gesellschaftlichen Kontext in Brasilien ist es klar progressiv, gegen die Zeit, subversiv.

Wenn wir nur einen Bruchteil dessen kennen, was da ist (und das ‚Wenige‘ schon unüberschaubar erscheint) – wie wählen wir aus? Welche Haltung folgt daraus? Die eigene Biografie kann eine Rolle spielen für die Kulturkreise, die man rezipiert. Jeder hat seinen eigenen kleinen Kanon. Inspirationsquellen, die auf dem Schreibtisch liegen, die Stoff und Form beeinflussen, die steuern, in welche Bereiche man ausgreifen möchte, wohin einen das Interesse führt. Es gelte, dieses eigene „kleine poetisches Universum“ (Rakusa) immer wieder zu öffnen und den „persönlichen Pool“ immer wieder neu anzureichern. Wir sollten wissen, dass es viele andere Traditionen und Lyrikbegriffe gibt. Wissen, dass wir wenig wissen. Bescheidenheit und Demut sind angezeigt. Klischees sollten vermieden werden, so Schneider. Wichtig sei es, sich nicht zufrieden zu geben mit dem, was man schon weiß. Kriterien zu hinterfragen. An der eigenen Arroganz zu arbeiten, Fremdsprachen zu lernen, zu übersetzen. Eine wichtige Aufgabe kann es sein, so Domeneck, den nicht-offiziellen Sprachen eines Landes Sichtbarkeit zu geben. Gefragt werden kann, so Schneider, welche Rolle der Traditionsbezug der Lyrik in einem größeren diskursiven Kontext spielt.

Zusammengenommen würde all dies eine extrem hohe Selbstreflexivität bei Bezugnahme auf verschiedene Traditionen bedeuten. Zugleich entsteht das Ideal eines polyglotten Textes, in dem viele Sprachen und Traditionen mitsprechen (mit dem zurzeit viel experimentiert wird, der hier und da verwirklicht scheint) – einerseits. Andererseits: Was geschieht, fragt Daniela Danz, wenn der Bezugs- und Anspielungsraum im Gedicht immer größer wird (und immer individueller), sich von dem des Lesers entfernt; wenn Bezüge vermehrt nicht erkannt, Zitate nicht entdeckt werden, Erfahrungen und Lektüren nicht geteilt werden, die gemeinsame Referenz abhandenkommt? Ein technischer Ausweg ist die Erklärung über Anmerkungen. Das kann leicht pädagogisch wirken. Oder aber, wie wäre es, setzt dem Lea Schneider entgegen, wenn das Gedicht die Menschen darauf stößt, dass es Dinge gibt, die sie nicht wissen, damit sie sich fragen: Warum weiß ich das nicht? Ja, warum?

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